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"Meine Familie ist ohne Zukunft"

An der taz-Reise nach Vietnam im Januar 2019 nahmen 16 Frauen und Männer aus Deutschland und der Schweiz teil. Unter der fachkundigen Leitung des Asien-Redakteurs Sven Hansen und des vietnamesischen Reiseführers Do Truong bereisten wir das ganze Land von Süd nach Nord. In Ha Noi stand auch wieder ein Besuch im Dorf der Freundschaft auf dem Plan.

Bei der Ankunft unserer Reisegruppe im Dorf der Freundschaft wurden wir sehr freundlich vom Direktor Thang Long begrüßt, was von der für das Dorf seit Jahren sehr engagierten Miss Hoa wieder gedolmetscht wurde.

Treffen mit Veteranen

Der Direktor lobte den deutschen Verein als aktivste Unterstützungsgruppe für das Dorf der Freundschaft. Diese Struktur sei einzigartig und dringend notwendig. Nach wie vor verursache Agent Orange ca. 13 unterschiedliche Krebsarten und immer noch kommen Kinder mit Behinderungen zur Welt. Die Anerkennung, dass die Behinderungen heute durch das bis 1975 versprühte Gift Agent Orange zurückzuführen ist, sei sehr aufwändig.

Beeindruckend ist die ganze Anlage, die ursprünglich am Stadtrand von Ha Noi gebaut wurde und durch das rasante Wachstum der Stadt mittlerweile mittendrin ist, also quasi inklusiv angesiedelt ist. Inklusiv sind auch die Schulkonzepte, so werden im Dorf der Freundschaft auch Kinder ohne geistige Behinderungen unterrichtet. Beeindruckend sind die didaktischen Methoden. So konnten wir einer kurzen Session beiwohnen. Den SchülerInnen werden kurze Zeichentrickfilme gezeigt, die Alltagsszenen darstellen, wir sahen Szenen aus dem Reisanbau. Anhand von Multiple Choice Tests können die SchülerInnen Fragen beantworten und werden mit einem Klatschen der Lehrerin für die richtige Antwort belohnt.

Unterricht mit Zeichentrickfilmen

Die größte Herausforderung für die Lehrenden ist die Bandbreite der Behinderungen, da sei es schwierig, allen gerecht zu werden, meinte eine Lehrerin.

Als die SchülerInnen in die Mittagspause gingen, gab es auch wieder die Gelegenheit zu einem beeindruckenden Treffen mit Kriegsveteranen.

Anfangs scheu, öffneten sie sich mehr und mehr unseren Fragen. Als sei es gestern gewesen, erzählten sie voller Stolz, wie sie für ihr Land gekämpft haben. Niemand habe gewusst, was vom Himmel herunter gesprüht wurde und wie gefährlich das Gift war. Auch nachdem nach einigen Tagen das Laub der Bäume trocken wurde und die Reispflanzen eingingen, konnte sich noch niemand vorstellen, welch langfristige Folgen das Gift für Land und Menschen haben würde. Ein Veteran meldete sich nach einigem Zögern zu Wort: "Meine Familie hat keine Zukunft, alle meine drei Kinder sind behindert." Ein anderer berichtete, dass seine drei Brüder alle im Krieg gefallen seien. Alle wünschten sich Unterstützung darin, dass auch heute noch wahrgenommen wird, was die USA ihrem Land angetan hätten.

Die Aussage des Veteranen war in seiner Nüchternheit verstörend und für ihn sicher stimmig. Deshalb war ich froh, eine Einrichtung wie das Dorf der Freundschaft gesehen und erlebt zu haben, mit wie viel Kompetenz, Empathie und Zuwendung die Lehrerinnen unterrichten. Sicher werden sie auch heute noch mit Vorurteilen, Scham und Tabus in der Bevölkerung zu kämpfen haben. Dadurch hat ihre Arbeit nicht nur für jedes einzelne Kind einen großen Nutzen, sondern stiftet auch Zukunft für eine offene und inklusive Gesellschaft in Vietnam.

Gabriele Bartsch aus Stuttgart