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Let's try moving...

Unter dieser Überschrift lässt sich unser vierwöchiger Einsatz im Dorf der Freundschaft zusammenfassen. Den ganzen Oktober über waren wir, Anke Groene, pensionierte Ergotherapeutin und Ingrid Kurzawa-Do, pensionierte Förderschullehrerin, beauftragt durch den Senior-Expert-Service und unterstützt vom deutschen Verein “Dorf der Freundschaft”, in einem pädagogischen Einsatz in Hanoi. MitarbeiterInnen des Dorfes der Freundschaft beschrieben im Vorfeld, wo Unterstützungs- und Fortbildungbedarf besteht. Der Einsatz wurde von uns etwa ein halbes Jahr vorbereitet.

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Wir erhielten jegliche Freiheit in der Durchführung unserer Vorhaben und wurden herzlich empfangen und unterstützt. Nach Besuchen in den Klassen und Gesprächen mit allen Beteiligten kristallisierten sich die Ziele für unsere Arbeit im Dorf heraus:

  • den Blick auf die Entwicklungsbedingungen und -ziele der einzelnen Schüler schärfen
  • Bewegung in die Zusammenarbeit zwischen Hausmüttern, Lehrerinnen und Therapeutinnen bringen.

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Die Förderung der SchülerInnen könnte gezielter stattfinden. Gerade diejenigen unter den SchülerInnen, die mit dem klassischen Schulangebot nicht erreichbar sind, stellen die MitarbeiterInnen vor große Probleme. Hier wollten wir u.a. ansetzen.

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BEWEGUNG ist ein guter Katalysator für verschiedene Entwicklungsbereiche. Über die Beobachtung der Bewegung der SchülerInnen kann viel über die Notwendigkeit einer “Nachentwicklung” ausgesagt werden. Über Bewegung können auch SchülerInnen in Gruppenprozesse einbezogen werden, die sonst sehr vereinzelt handeln oder ein problematisches soziales Verhalten pflegen. Bewegung baut Körperspannung auf, kann diese aber auch ableiten und gibt starke Körperinformationen, die für viele unruhige Kinder mit Hypotonie wesentlich notwendig sind. Bewegung kann auch bei einseitiger und belastender Haltung für Ausgleich sorgen. Mit Bewegung kommt Kommunikation ins Spiel, Verabredungen über Start, Regeln, Ziel und Ende einer Aktion. Über Bewegung ist Lernen möglich, Raumerfahrung, Körpererfahrung, Sacherfahrung, Sozialerfahrung... und Bewegung macht Spaß!!! Die Lernpsychologie betont die persönliche Bedeutsamkeit und die Freude als beste Indikatoren für Erfolg.

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In der großen Bewegungshalle war während zweier Wochen nun immer was los. Anhand altersgemäßer Themenschwerpunkte wurden mit allen SchülerInnen Bewegungsstunden durchgeführt. Hausmütter, Therapeutinnen, Lehrerinnen und internationale freiwillige Helfer konnten dabei sein und in einem Feedbackgespräch über das Gesehene und Erlebte sprechen.

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Die Anzahl der Interessierten war stets hoch, die Stimmung oft sehr heiter. Nahezu alle SchülerInnen ließen sich ins Geschehen einbinden. Es gab keine Aggression oder Autoaggression.

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Anke war immer wieder auch in der medizinischen Abteilung aktiv: sie redete mit dem therapeutischen Team, den Eltern und Großeltern von ambulant zu beratenden Familien mit behinderten Kleinkindern und demonstrierte, was im einzelnen Fall angeraten war. Die beiden Übersetzerinnen, die uns während der ganzen Zeit unseres Aufenthaltes zur Seite standen, waren auch hier großartig und absolut hilfreich. Ihnen verdanken wir viel von dem, was uns in diesen Wochen gelang.

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Nach der praktischen Phase war unsere letzte Woche eingeleitet. Wir wollten Bewegung in die Kooperation aller Beteiligten bringen und sie dazu anregen, über geeignete Lösungen von erkannten Problemen nachzudenken, sowie sich im Team darüber auszutauschen und erste Schritte zu überlegen. Dann veranlassten wir “Bewegungs”arbeit in den Köpfen: Hausmütter, Therapeutinnen und Lehrerinnen kamen in angeregten Austausch und entwickelten erste gute Ideen. So hoffen wir, dass die Anstöße aufgenommen werden, weitergehen und die Bewegung sich im Dorf fortsetzt.

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Wir haben uns in der Mitte des Dorfes sehr wohl gefühlt und viel Interesse, Anerkennung, Hilfe und Freundlichkeit erfahren. Wir konnten das entspannte fröhliche Treiben am Feierabend beobachten und uns daran erfreuen. Wir haben gesehen, wie die kurenden Veteranen vom jungen Leben profitierten, wie sie es interessiert genossen, mittendrin und auch beteiligt, doch zumindest sehend und gesehen werdend dabei zu sein. Wir haben gestaunt, wie familiäre Zuwendung, Zusammenwirkung und Mitverantwortung die Dinge am Laufen halten und welch großartige handwerkliche Leistungen die berufsbildenden Klassen vollbringen.

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Und... wir waren Gäste bei zwei bedeutenden Festen: zum einen bei der Mitte des Herbstes, dem sogenannten Mondfest, das mit fröhlichem Gesang, mit Lichtern und Laternen, süßen Musterkuchen aus Bohnen und anderen Naschereien gefeiert wird. Es ist ein Fest für die Kinder, die dafür fleißig und engagiert geprobt hatten. Eine Gesangsgruppe des Dorfes und ein eingeladener Kindergarten übernahmen fast ausschließlich das bunte Programm. Die Küchengruppe der Schule bereitete ein wunderschönes Obstbuffet vor, das so originell und kunstvoll gelang, dass das Essen fast ein Frevel war.

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Das zweite Fest gehörte den vietnamesischen Frauen, wir wurden einfach eingemeindet. Es war ein schulfreier Tag, alle kamen in ihrer schicken Festkleidung und in tausend Variationen wurden Fotos gemacht. Fotos, besonders solche in Reihen und mit offiziellem Charakter, sind in Vietnam ungemein wichtig. Ebenso wie Reden, vorgetragene Musik, wunderbar anzuschauendes Essen in vielen Variationen und der unvermeidliche, geliebte Karaokegesang.

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Unser Beitrag zum Festprogramm war das unter rhythmischem Klatschen der Zuhörerschaft vorgetragene Lied “Die Gedanken sind frei”. Wir “vietnamesischen” Frauen wurden an diesem Tag gelobt, verwöhnt, mit roten Rosen beschenkt, zugeprostet und besungen was das Zeug hält. Die Frauen waren die “Heldinnen” des Tages. Wir haben während unseres Aufenthaltes gesehen und geahnt, was die Frauen im Dorf - Hausmütter, Lehrerinnen, Therapeutinnen - leisten, oft über die Maßen viel, nicht üppig entlohnt, aber mit Fröhlichkeit, Zugewandtheit und menschlicher Wärme. Wir wünschen Ihnen und dem ganzen Dorf, dass die “Bewegung” helfen möge: in ihrer Arbeit, ihrem Zusammenwirken und in der allgemeinen Verbesserung der Bedingungen. Denn dann hätten am Ende auch die im Dorf lebenden Menschen viel davon.

Ingrid Kurzawa-Do

Anke Groene

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