dpa, 05.02.2007

Aus Horror wird Hoffnung - Versöhnungsprojekt für Agent Orange-Opfer

Von Christiane Oelrich, dpa

Hanoi (dpa) - Elf Kinder sitzen in der Klasse, jedes mit einer schwarzen Schiefertafel, auf dem Tisch liegen jede Menge bunte Kreidestifte. Hühner sind heute angesagt. Duong Thi May (14) ist die Anstrengung anzusehen. Tief über seine Tafel gebeugt zieht er unendlich langsam zwei ellenlange Striche für die Beine. Dann schaut er auf und lacht. Geschafft! Die ganze Gruppe bestaunt das Bild mit lautem Getöse.

Gelacht wird viel im Dorf der Freundschaft in der Provinz Ha Tay bei Hanoi. Alte, Junge, Vietnamesen und viele Freiwillige aus aller Welt leben hier in einer grünen Oase, mit Spielplatz und Öko-Garten. Die 120 Kinder sind alle geistig und körperlich behindert, wahrscheinlich dioxingeschädigt - eine Spätfolge des Entlaubungsmittels Agent Orange, das die Amerikaner zwischen 1962 und 1971 im Krieg gegen die Kommunisten tonnenweise versprühten.

Wie Duong. Er ist der Jüngste von fünf Geschwistern. Alle sind geistig behindert, sagt der Direktor des Freundschaftsdorfs, Dang Vu Dung. Sein Vater kämpfte im Krieg auf Seiten des Vietcong und war dem Entlaubungsmittel schutzlos ausgesetzt. Er ist lange tot. “Duong ist seit acht Jahren hier. Er hat sprechen gelernt und kann jetzt auch Tiere unterscheiden und malen”, sagt die Betreuerin. Das Dorf der Freundschaft mit seiner gezielten Förderung von Kriegsopfern, von einem amerikanischen Ex-Soldaten als internationales Versöhnungsprojekt gestartet, ist einzigartig in Vietnam.

Duong Thi May malt mit Hilfe der Lehrerin ein Huhn auf eine Tafel. Duong ist geistig behindert und wird in dem vom US-Veteranen George Mizo gegründeten Dorf der Freundschaft in der Provinz Ha Tay bei Hanoi in Vietnam betreut. Duongs Vater kämpfte im Krieg auf Seiten des Vietcong und war dem Gift Agent Orange schutzlos ausgesetzt. Foto: dpa Duong Thi May malt mit Hilfe der Lehrerin ein Huhn auf eine Tafel. Duong ist geistig behindert und wird in dem vom US-Veteranen George Mizo gegründeten “Dorf der Freundschaft” in der Provinz Ha Tay bei Hanoi in Vietnam betreut. Duongs Vater kämpfte im Krieg auf Seiten des Vietcong und war dem Gift “Agent Orange” schutzlos ausgesetzt.
Foto: dpa

Tong Thi Thu ist 14 und sitzt drei Klassenzimmer weiter im Computerraum. Sie kam Anfang des Jahres ins Freundschaftsdorf, aus einem kleinen Ort rund 100 Kilometer nördlich von Hanoi. Thu kann nicht sprechen und hatte in ihrem eigenen Dorf keinerlei Förderung. Sonderpädagogik ist noch Neuland in Vietnam. Es gibt kaum Mittel, um Kinder entsprechend ihren Fähigkeiten zu fördern.

Behinderte sind auf Familienhilfe angewiesen. In der Gesellschaft gilt alles, was von der Norm abweicht, als Stigma. Auch wenn Familien sich irgendwie um ihre Angehörigen kümmern, werden Kinder, die nicht wie alle anderen sind, mangels besseren Wissens oft vernachlässigt. Erwachsenen mit besonderen Bedürfnissen, die selbst kein Geld verdienen können, bleibt oft nichts anderes übrig, als zu betteln.

Thu lernt hier mit Computern umzugehen und digitale Muster zu kreieren. Die Hoffnung ist, dass sie mit diesem Können später bezahlte Arbeit finden kann. Sie führt die Maus schon wie eine geübte Malerin über den Tisch, und auf dem Bildschirm entsteht eine große Sonnenblume. “Bravo”, sagt Lehrerin Pham Thi Hanh. Doch kaum hat sie sich umgedreht, wechselt Thu das Programm. Sie spielt nämlich mit Leidenschaft ein Kartenspiel und lacht verschmitzt hinter dem Rücken ihrer Lehrerin - unbeschwert, wie eine typische 14-Jährige eben.

Hinter ihr sitzt ein junges Mädchen, das emsig eine SMS in sein Handy schreibt. Es hat keine Hände, aber irgendwie geht es trotzdem. Ein bisschen schämt es sich noch vor Besuchern, aber längst nicht mehr so wie an dem ersten Tag, sagt die Lehrerin. “Sie weiß, dass sie hier keiner anstarrt”, sagt sie. In der Computerklasse werden auch Powerpoint, Excel und Word gelehrt.

“Vater” des Freundschaftsdorf ist George Mizo, der in Vietnam gegen die nordvietnamesische Armee und den Vietcong gekämpft hatte. “Für George war das Dorf der Freundschaft die Verwirklichung eines Traumes von Versöhnung und internationaler Zusammenarbeit”, sagte seine Witwe, Rosemarie Höhn-Mizo. “Es hat sein Leiden an dem, was er in Vietnam getan und erlebt hatte, nicht weniger gemacht, aber es hat dazu beigetragen, dass etwas Positives aus all dem Horror entstand.”

Mizo wurde selbst durch Agent Orange verseucht und litt an den psychischen Folgen seines Kriegseinsatzes. Er starb 2002. Da war das Dorf aber längst Wirklichkeit geworden. Mizo und seine Frau waren 1993 zur Grundsteinlegung “auf einem Reisfeld”. Fünf Jahre später wurde das Dorf eröffnet. Vietnamesischer Partner der Einrichtung ist der dortige Kriegsveteranenverband. Unterstützergruppen gibt es in Deutschland, den USA, Frankreich, Kanada und Japan. Die Zusammenarbeit ist ein Stück echte Völkerverständigung, sagt Höhn- Mizo. Sie leitet den deutschen Verein. “Etwas weiter leben zu lassen von dem, was George wichtig war, prägt mein Engagement für das Dorf der Freundschaft”, sagt die Sonderschullehrerin aus Hofen bei Stuttgart.

Die Plätze im Dorf der Freundschaft sind heiß begehrt. 120 Kinder können hier wohnen, in zehn Wohngruppen, die jeweils von drei Hausmüttern betreut werden. Ärzte und Therapeuten fahren selbst zu den Familien, die sich um einen Platz bewerben. Wenn sie sich vergewissert haben, dass das Kind von dem Angebot profitieren kann, wird es aufgenommen, sobald Platz ist. “Wir bekommen hunderte mehr Anfragen als wir Betten haben”, sagt Betreuerin Nguyen Thi Ha.

Manche sind seit Jahren hier, andere bleiben nur ein paar Monate. Die Zimmer mit jeweils vier, fünf Betten sind bunt dekoriert. In den Fluren hängen Bilder von Märchenfiguren an der Wand, Rotkäppchen und jede Menge Prinzen und Prinzessinnen. Ein paar Mädchen haben Poster der populärsten Popstars aufgehängt. Die jungen Damen sind ziemlich eitel. Zeitschriftenausschnitte mit den neuesten Schminktipps sind an die Wand geheftet. Andere spannen selbst auf den kurzen Wegen zwischen den Häusern und Schulräumen Regenschirme auf. “Wegen der Sonne”, sagt eine, “damit die Haut nicht braun wird.”

Agent Orange - versprüht, um die Wälder zu entlauben und aus der Luft Lager der Feinde zu entdecken - hat verheerende Schäden angerichtet. Ein bis zwei Millionen Menschen wurden nach vietnamesischen Angaben vergiftet. Heute werden Kinder in der dritten Generation mit schweren Behinderungen geboren. US-Veteranen haben eine Entschädigung erstritten, vietnamesische Opfer gingen leer aus. Bei der Normalisierung der diplomatischen Beziehungen bestanden die USA 1995 darauf, dass Vietnam alle Kompensationsforderungen aufgibt.

Nach Messungen amerikanischer Forscher haben etwa in der Stadt Bien Hoa, wo Agent Orange gelagert wurde, noch heute 95 Prozent der Einwohner eine bis zu 200 mal höhere Konzentrationen von Dioxin im Körper. Die meisten wurden lange nach 1971 geboren.

Auch um vietnamesische Kriegsveteranen kümmert sich das Dorf der Freundschaft. 40 sind jeweils da, zu einer Art Kuraufenthalt. Mit gutem Essen, medizinischer Betreuung und Therapie sollen sie hier zu neuen Kräften kommen - nicht selbstverständlich in den Dörfern, aus denen sie kommen. Giap Thi Giang (25) und ihre Schwester Huong (30) sind körperbehindert. Sie erhalten täglich Physiotherapie und helfen als Assistenzlehrerinnen beim Computerunterricht. Sie teilen sich ein Zimmer, das voll gestopft mit Büchern ist. “Professorin”, nennen manche die 25-Jährige, die meist die Nase in ihren Büchern hat.

In einem anderen Gebäude übt Pham Thi Thanh Nga (22) gerade mit einer Therapeutin auf einem dicken Medizinball, das Gleichgewicht zu halten. Die junge Frau hat spindeldürre Beine und kann sich ohne Unterstützung nicht fortbewegen. Ihr Großvater hat sie betreut, so lange es ging. Inzwischen lebt sie seit acht Jahren hier.

Das Dorf der Freundschaft wird inzwischen zur Hälfte aus Vietnam selbst finanziert, durch staatliche Zuschüsse und Spenden. Der Rest kommt durch Spenden aus dem Ausland zusammen und durch den Einsatz zahlreicher Freiwilliger. Wie Francoise Groussard, eine Bankerin aus New York. Die 25-Jährige engagiert sich in den USA in einer Gruppe “Freiwillige für Frieden”. Sie hat zu Hause Geld gesammelt und dann Urlaub genommen, um hier zwei Wochen auszuhelfen. An diesem Morgen hat sie mit Betreuern eine Ladung neuer Matratzen und Decken gekauft. “Auch wenn es anstrengend ist, man tankt hier unglaublich viel Kraft”, sagt sie.

Groussard singt mit einer Gruppe von 8- bis 13-Jährigen mit viel Klamauk ein amerikanisches Kinderlied. “If you happy and you know it clap your hands” - wenn Du fröhlich bist, klatsch in die Hände. Die Kinder verstehen die Worte nicht, sind aber mit Begeisterung dabei. “Look towards the sun, and the darkness will fall behind you” - schau' in die Sonne und die Dunkelheit bleibt hinter Dir - steht auf einem großen Poster an der Wand.

John Berlow ist auch ein Freiwilliger. Der Amerikaner lebt seit ein paar Jahren in Vietnam und will ökologischen Ackerbau vorantreiben. Mit Hilfe spendabler Freunde finanziert er Projekte wie den Bio-Garten im Dorf der Freundschaft. “Ein Garten ohne Chemikalien, Fischteiche, Schweinezucht - es soll eine nachhaltige Ökozone werden”, sagt Berlow und nimmt die im vergangenen Jahr gesetzten Obstbäume in Augenschein.

Ein Ehepaar betreut den Garten, und irgendwann sollen die Kinder, die ein Händchen dafür haben, auch mitarbeiten. Das gilt bei allen Beschäftigungs- und Lernangeboten: “Die Menschen sollen hier möglichst etwas aufnehmen, dass sie in ihrem späteren Leben nutzen können”, sagt Höhn-Mizo. Deshalb gibt es den Computerkurs, eine Stickerei, eine Schneiderei und eine Werkstatt zur Gestaltung von künstlichen Blumenarrangements, eine traditionell vietnamesische Handwerkskunst.

Hier spielte sich auch die bislang romantischste Geschichte des Freundschaftsdorfes ab: Vor ein paar Jahren lernte der körperbehinderte Nanh in dieser Werkstatt die gehörlose Hoa kennen und lieben. Die beiden zogen zusammen aus und eröffneten in ihrer Heimat ein erfolgreiches Geschäft mit künstlichen Blumen, an dem inzwischen die ganze Familie mitarbeitet. 2005 bekamen die beiden eine Tochter - “völlig gesund”, sagt Betreuerin Ha strahlend.

dpa oe xx fk/re

051100 Feb 07

Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung der dpa.