ZivilCourage September/Oktober 2001

Frieden ist nicht nur ein Wort

George Mizo und das Dorf der Freundschaft in Vietnam

Von Rainer Hub

Der Vietnam-Krieg mag lange her sein, aber für jemanden, der ihn miterlebt hat, gibt es eine andere Realität. George Mizo erlebt den Krieg in Vietnam heute noch jeden Tag - und jede Nacht; Maschinengewehrfeuer, Bombeneinschläge und Granatengeheul ... bestimmen seine (Alb-)Träume.

Mit 17 Jahren meldete sich George Mizo für den Vietnameinsatz in den US-Streitkräften. Er glaubte, ja war überzeugt, dass er für eine gute Sache kämpfen werde: die Freiheit Amerikas und zum Wohle der Menschen in Vietnam gegen die „bösen Kommunisten”. Dies war seine Interpretation, und auch die vieler anderer junger Amerikaner, des berühmten Ausspruchs von John F.Kennedy „Frage nicht, was dein Land für dich tun kann, sondern frage, was du für dein Land tun kannst”.

George Mizo als US-Soldat 1967

Schon früh empfand George Mizo in den Kriegswirren des Jahres 1967 in Vietnam aber, dass er von seiner Regierung angelogen worden war. Heute sagt er dazu: „They told us bullshit”. Damals hat er sich geschworen, für den Rest seines Lebens seine Stimme gegen den Krieg zu erheben, wenn er diese Hölle überleben sollte. Das hat er, schwer verletzt und mit gesundheitlichen Folgen bis heute.

Und er hat seinen Schwur wahr gemacht und gegen Kriege wie in Nicaragua, Afghanistan, Somalia, auf dem Balkan gearbeitet und protestiert, auch wenn ihn das selbst in Gefahr brachte und er Sanktionen ausgesetzt war wie Einreiseverboten in die USA oder Inhaftierung im Militärgefängnis.

Entstehungsgeschichte des Dorfes

Getrieben war und ist er noch immer aber auch von dem Wunsch, etwas Versöhnendes für die Menschen in Vietnam zu schaffen. Wichtig war ihm dabei die Grundidee, nicht nur einen Gedenkstein zu setzen, sondern etwas zur Hilfe und Unterstützung der Menschen in deren Leben und Alltag zu schaffen. Herausforderung dabei ist gewesen, dass die Gegner, die sich einst gegenseitig beschossen haben, miteinander dieses Projekt planten und realisierten.

So wurde das Dorf der Freundschaft unter seiner Federführung 1992 gemeinsam von Kriegsveteranen aus den USA, aus Vietnam, Japan, Großbritannien und Frankreich ins Leben gerufen. Ehemalige Feinde wollten durch ihr Zusammenarbeiten ein „Zeichen des Friedens und der Versöhnung” setzen. Im Gründungsdokument des Projektes wurde als Ziel vereinbart, durch konkrete Hilfen dazu beizutragen, die „Wunden des Krieges zu heilen”.

Hilfen für die Opfer des Krieges

Kurze Zeit später wurde auf einem ehemaligen Reisfeld in der Nähe der vietnamesischen Hauptstadt Hanoi mit dem Bau der ersten Wohnhäuser begonnen. Mittlerweile werden dort über 100 behinderte Kinder, Waisen und ältere Menschen betreut und medizinisch versorgt. Die meisten von ihnen sind Opfer der Spätfolgen des Krieges. Die im Krieg vom US-Militär eingesetzten Entlaubungsgifte können zu Störungen im Erbgut führen und werden dafür verantwortlich gemacht, dass in vielen Regionen Vietnams auch heute noch überdurchschnittlich viele Neugeborene mit schweren Behinderungen zur Welt kommen.

Der aktuelle Stand des Projekts

Zum Dorf gehören jetzt acht Wohnhäuser, eine Gesundheitsstation und ein größeres Gebäude mit mehreren Schul-, Behandlungs- und Veranstaltungsräumen. Hier erhalten auch Menschen aus der näheren Umgebung medizinische Hilfe. Ein Teil des Geländes wird von den BewohnerInnen zur Selbstversorgung landwirtschaftlich genutzt. Dazu gehören Teiche, Tiere, Obstbaumplantagen und Kräutergärten. Abhängig vom Eingang weiterer Spenden ist der Bau zusätzlicher Wohnhäuser und öffentlicher Gebäude geplant, um so bald wie möglich weitere Kinder aufnehmen zu können, bzw. auch Menschen aus der Umgebung Hilfe und Unterstützung in Form von Versorgung und Bildung zukommen zu lassen.

George Mizo wurde als der „Gründungsvater” des Projektes für seine Verdienste um das Dorf der Freundschaft im vergangenen Herbst mit der „Großen Vietnamesischen Friedensmedaille” geehrt. Als ehemals junger amerikanischer Sergeant in Vietnam ist er damit der erste Nicht-Vietnamese, dem diese Auszeichnung verliehen wurde.

Seit vielen Jahren lebt George Mizo in Deutschland. Daher sind mittlerweile auch bundesdeutsche Medien auf das Projekt aufmerksam geworden; in den vergangenen Monaten berichteten verschiedene Zeitschriften, wie beispielsweise der „Stern” und das „Greenpeace Magazin”, sowie die Fernseh-Sendung „ZDF-Reporter” über die Initiative und ihre Hintergründe.

George Mizo im Dorf der Freundschaft beim Spiel
George Mizo im Dorf der Freundschaft beim Spiel

Zwei junge Filmemacher aus Deutschland haben das Projekt während einer halbjährigen Vietnamreise mehrfach besucht und einen Dokumentarfilm über George Mizo, seine Arbeit und das Dorf der Freundschaft soeben fertig gestellt. Im August hatte der Film seine bundesdeutsche Premiere. Noch im Laufe dieses oder des nächsten Jahres soll er im deutschen Fernsehen zu sehen sein. Die Reiseberichte sind auch über das Internet unter http://www.globaltv.de/vietnam zugänglich.

Immer wieder präsentiert sich der gleichnamige deutsche Unterstützerverein Dorf der Freundschaft e.V. im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit bei Veranstaltungen wie z.B. in diesem Jahr auf dem Evangelischen Kirchentag in Frankfurt am Main.

George Mizo berichtet darüber hinaus bei vielen Veranstaltungen in Schulen, bei Seminaren und auf Podien über seine traumatischen Erlebnisse und darüber, wie ihm die Idee und Realisierung des Dorfs der Freundschaft immer wieder Kraft und Lebensmut geben, die der Krieg ihm genommen hat. Die Last seiner Vergangenheit wird für ihn dadurch etwas erträglicher.

Friedens- und Versöhnungsarbeit und das Dorf der Freundschaft sind sein Leben geworden. In einem Gedicht hat er das so formuliert:

Frieden heißt, dem Leben etwas zu geben,
jeden Tag, ein Leben lang

Frieden heißt manchmal,
jemanden zu verletzen,
aber dies niemals zu wollen,
und immer zu versuchen, dies nicht zu tun.

Frieden heißt nicht nur,
die Schönheit einer Blume zu sehen,
sondern auch die Schönheit des Bettlers.

Frieden heißt nicht nur, nicht zu töten,
sondern auch, anderen leben zu helfen.

Frieden heißt nicht, perfekt zu sein,
aber zu versuchen, besser zu sein.

Frieden heißt nicht, sterben zu wollen,
sondern keine Angst davor zu haben.

Frieden ist nicht nur ein Wort.

Das Dorf der Freundschaft in Vietnam
Das Dorf der Freundschaft in Vietnam

George Mizo kann zu Veranstaltungen gerne eingeladen werden; bei der Kontaktadresse können auch mündliche und schriftliche Informationen über das Projekt bezogen werden.

Rainer Hub arbeitet als Referent beim Diakonischen Werk Würtemberg, das das Dorf der Freundschaft auch unterstützt.