Süddeutsche Zeitung vom 30.11.2004

Vietnam und die Nachwirkungen von Agent Orange (II): “Wir wissen, dass es gefährlich ist, hier zu leben”

Zum Sterben geboren

Leben ohne Augen, ohne Beine - wo die Amerikaner das Entlaubungsmittel sprühten, kommt Generation um Generation schwerbehindert zur Welt

Von Henrik Bork


Tan Hoa - Nichts als Gras wächst hier am Nordufer. Der Dschungel hält respektvoll Abstand. Eine hundert Meter breite, kahle Schneise begleitet den Camlo-Fluss. Sie ist während des Vietnamkriegs mit dem Entlaubungsmittel Agent Orange gezogen worden. Mehr als drei Jahrzehnte ist das her, doch der Boden ist immer noch vergiftet. Nur das hüfthohe Gras hält sich hier. Die Anwohner nennen es “amerikanisches Gras”.

700 Meter vom Ufer entfernt steht das Haus von Tran Van Tram und seiner Familie. Tram ist 55 Jahre alt. Er kommt gerade aus dem Wald. Er hat Brennholz gesammelt. Die Sonne hat sein Gesicht gegerbt. Die Sorgen der Armut haben es zerfurcht. Seine rechte Hand segelt durch die Luft, als er von jenem Morgen im April 1969 erzählt, als die Flugzeuge kamen. “Es waren drei. Ich sah eine weiße Wolke”, sagt Tram. “Damals begann direkt hinter unserem Haus der Wald. Eine Woche, nachdem sie gesprüht hatten, war der Wald tot.”

Trams Haus steht im Dorf Tan Hoa im zentralvietnamesischen Hochland. Direkt dahinter beginnt hier ein unwegsames Dickicht. Bewaldete Hügel rollen in Richtung Osten wie die Brandung eines grünen Ozeans. Es sind die Ausläufer der Annamiten-Kette an der Grenze zu Laos. Es ist ein schönes, wildes Land.

Im April 1969 war es auch ein blutgetränktes Land. Die Zahl der amerikanischen Soldaten in Vietnam hatte mit 543 000 gerade ihren Höhepunkt erreicht. Von hier aus, in der Nähe des Camlo-Flusses, infiltrierten die Kämpfer des kommunistischen Nordvietnam den von den USA gestützten Süden. Nur zehn Kilometer weiter nördlich begann die Entmilitarisierte Zone (DMZ). Weitere fünf Kilometer nördlich, entlang des Ben-Hai-Flusses, verlief die Demarkationslinie zu Nordvietnam.

Kinder, kriechend im Staub

Rund um den Camlo-Fluss tobten heftige Kämpfe. “Hill 571, ein US-Stützpunkt, lag nur 40 Kilometer von unserem Haus entfernt”, sagt Tram. Tausende amerikanischer GIs und vietnamesischer Soldaten starben in den Schlachten um die strategischen Gipfel. Ihre Namen verrieten den Galgenhumor der amerikanischen Besatzer. Auf dem Hamburger Hill war das Gemetzel besonders schlimm. Die Hänge der Rocket Ridge wurden ständig von Raketen chinesischer Bauart umgepflügt. Die Patrouillenboote auf dem Fluss wurden aus dem Hinterhalt beschossen. Deshalb entwaldeten die Amerikaner die Ufer.

Irgendwann war der Krieg vorbei. Zurück blieb das im Entlaubungsmittel Agent Orange enthaltene TCDD, ein Dioxin. Es lauert bis heute im Boden, unsichtbar, heimtückisch, tödlich. Ein Teil wurde vom Regen weggespült. Er lagerte sich im Schlamm am Boden des Flusses ab. Ein anderer Teil verblieb in der Erde am Ufer. Tram und seine Frau bestellten ihr Feld. Sie tranken das Wasser aus dem Fluss. Zwischen 1972 und 1989 wurden ihre sechs Kinder geboren, vier Söhne und zwei Töchter. Vier der Kinder sind geistig und körperlich behindert.

Tram sitzt auf seinem Sap, einer aus schwarzem Holz geschnitzten Kiste. Darin bewahrt er seinen Reis auf. Zusätzlich dient ihm der Sap als Bett. Auf dem gestampften Lehmboden der Hütte laufen drei seiner erwachsenen Kinder auf allen Vieren herum: der 26-jährige Sohn Thuan, der 21-jährige Sohn Hoang und die 19-jährige Tochter Luy. Sie können nicht aufrecht gehen. Die verkrüppelten Beine leicht angewinkelt, beide Hände im Staub, so kriechen sie herum, den Hintern in die Höhe gereckt. Nur der 15-jährige Sohn Lam sitzt ruhig auf einer Pritsche. Er starrt ins Leere. Alle vier brabbeln unverständliche Laute.

“Als das vierte Kind behindert geboren wurde, hat man uns gesagt, dass Agent Orange die Ursache sei”, sagt Tram. 110 Menschen leben in dem kleinen Dorf am verseuchten Flussufer. Zehn der Dorfkinder sind behindert, fünf davon schwer. “Die Leute hier haben Angst”, sagt der Dorfvorsteher Tran Minh. Ein paar Familien, die es sich leisten konnten, sind weggezogen. “Wir wissen, dass es gefährlich ist, hier zu leben”, sagt Tram. “Aber wir leben von dem Land. Wenn wir weggehen, haben wir nichts zu essen.” Und dann sagt er noch, was Bauern immer sagen, egal in welchem Land: “Wir haben schließlich immer hier gelebt.”

Ganze Landstriche im Süden Vietnams sind vergiftet. Eine Gruppe kanadischer Wissenschaftler, Hatfield Consultants, hat das nahe gelegene Aluoi-Tal untersucht. Es liegt ebenfalls in der Provinz Quang Tri, 65 Kilometer westlich von Hue. Dort war während des Kriegs nicht nur von Flugzeugen aus tonnenweise Agent Orange versprüht worden. Auf drei ehemaligen Stützpunkten der “Special Forces” lagerten zudem die Fässer mit dem Pflanzengift. Sie gelten heute als “Hot Spots”. Dort ist der Boden noch immer besonders stark mit TCDD verseucht, dem in Agent Orange enthaltenen Dioxin. Beim Umfüllen war versehentlich Pflanzengift vergossen worden. Alte Fässer blieben zurück und verrosteten.

Von 1994 bis 2001 untersuchten die Kanadier das Aluoi-Tal auf TCDD. Sie entnahmen Proben des Bodens, Proben aus dem Fettgewebe von Fischen und Enten, untersuchten die Muttermilch schwangerer Frauen und das Blut der Anwohner. In allen Proben fanden sie erhöhte Werte des Dioxins. “TCDD, das aus dem Entlaubungsmittel Agent Orange stammt, ist in seiner Migration aus der kontaminierten Erde in die Nahrungskette und in den menschlichen Körper verfolgt worden”, schreiben die Wissenschaftler als Fazit ihrer Studie. Im Klartext heißt das: Agent Orange vergiftet die Menschen in Vietnam bis auf den heutigen Tag.

Nicht nur die amerikanischen und vietnamesischen Soldaten, die im Krieg mit Agent Orange in Berührung gekommen sind, erkranken und sterben an dem Gift. Nicht nur die Kinder der Veteranen kommen mit schweren Behinderungen zur Welt. Jeden Tag vergiften sich weitere ahnungslose Menschen. Viele von ihnen werden erst in Zukunft erkranken oder behinderte Kinder zur Welt bringen.

Das Dorf Tan Hoa mit seinen zehn behinderten Kindern ist kein Ausnahmefall. In Hunderten Dörfern im Zentralen Hochland von Vietnam leben ungewöhnlich viele behinderte Menschen. Die vietnamesische Regierung kommt kaum nach, sie zu registrieren. Sie hat nicht genug Geld, ihnen medizinisch zu helfen. Und sie hat erst recht nicht die Mittel, Menschen umzusiedeln oder mit Dioxinen verseuchte Erde aus “Hot Spots” abzutragen und zu verbrennen, wie dies in entwickelten Ländern häufig geschieht.

Ungezählte Vietnamesen leben auf einer chemischen Zeitbombe, ohne es zu ahnen. Im Herzen der Stadt Bien Hoa, nördlich von Saigon gelegen, gibt es einen kleinen See. In seiner Nähe lag während des Vietnamkrieges ein weiterer Militärstützpunkt der Amerikaner. Von hier aus wurden Einsätze mit Agent Orange geflogen. Ein Abwasserkanal führte vom Stützpunkt in den See. Mac Thi Hoa, Vizedirektorin des Agent-Orange-Opferfonds des Vietnamesischen Roten Kreuzes, hat dort Blutproben untersuchen lassen.

“Sie hatten zum Teil 271 ppt (parts per trillion; eines unter einer Billion von Molekülen; Anm. d. Red.) Dioxin im Blut. In nicht verseuchten Teilen des Landes sind 2 ppt üblich. Viele Anwohner des Sees haben Migräne, sie fühlen sich schwach”, sagt Hoa. Die Ärzte vor Ort wissen nicht, was die Ursache ihrer Symptome ist. “Agent Orange ist nicht Geschichte. Noch immer werden in einzelnen Vietnamesen Dioxin-Kontaminationen nachgewiesen, die genauso hoch sind wie zu der Zeit, als Agent Orange versprüht wurde”, sagt der an der Studie beteiligte US-Mediziner Arnold Schecter.

Im medizinischen Kolleg von Hue, der alten Kaiserstadt, sitzt Dr. Nguyen Viet Nhan in seinem kleinen Büro. “Abteilung für genetische Beratung und behinderte Kinder” steht an der Tür. An den Wänden hängen Landkarten voller schwarzer Streifen. Sie markieren die Sprüheinsätze der amerikanischen Transportflugzeuge. Dr. Nhan hat für eine Studie über Agent Orange Dutzende abgelegener Dörfer in der Provinz Quang Tri besucht. “Als ich besprühte mit nicht besprühten Regionen verglich, fand ich einen signifikanten Anstieg im Auftreten bestimmter Geburtsdefekte, wie Lippen- und Rachenspalten oder Leistenbrüche. Spina bifida, offenes Rückgrat, war omnipräsent”, sagt Nhan.

Dreifach attackiert

Neben der Häufung von Geburtsfehlern hat der Mediziner eine weitere charakteristische Folge von Agent Orange entdeckt. “In den verseuchten Gegenden gibt es auffallend viele Familien, die nicht bloß ein behindertes Kind haben, sondern zwei, drei oder vier.” In manchen Familien sind es gar sechs. Der Grund scheint zu sein, dass das Gift die Kinder gleich auf dreifache Weise attackiert - vor, während und nach der Schwangerschaft. Dioxin verformt aufgrund seiner Mutagenität die Chromosomen der Eltern. Über die Nabelschnur strömt es mit dem Blut der Schwangeren in den Embryo. Nach der Entbindung gibt die Mutter das Gift über ihre Milch an den Säugling weiter.

Zahllose vergiftete Kinder sterben daher in allen drei Stadien - vor, während oder kurz nach der Geburt. Niemand hat die vielen Schwangerschaften gezählt, die wegen Agent Orange frühzeitig abgebrochen worden sind. Niemand kann die vielen Totgeburten im neunten Monat zählen. Und niemand weiß, wie viele Säuglinge in den Dörfern kurz nach der Geburt sterben. “Hunderttausende von Menschen sind in den 30 Jahren seit dem Krieg an den Folgen von Agent Orange gestorben”, sagt Professor Nguyen Trong Nhan vom Verband für die Opfer von Agent Orange / Dioxin in Hanoi.

Wann ist ein Krieg vorbei? Wenn die Waffen schweigen? Oder wenn das Sterben aufhört, zumindest das Sterben großer Zahlen von Menschen? Wählt man die zweite Definition, dann sind heute weder Agent Orange noch der Vietnamkrieg Geschichte.

In der Gerichtsklage, die vietnamesische Opfer jetzt gegen Dow Chemical, Monsanto und andere Hersteller von Agent Orange beim Bezirksgericht Ost in New York eingereicht haben, ist auch von “Genozid” die Rede. Die Anwälte der Kläger argumentieren auf Seite 58 ihrer 69 Seiten langen Klageschrift mit “internationalem Gewohnheitsrecht”. Dieses definiere Taten als Genozid, “die mit der Intention verübt wurden, eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe ganz oder in Teilen zu zerstören”. Besonders erwähnt werden dabei “Maßnahmen, die Geburten innerhalb der Gruppe zu verhindern trachten”. Sprecher der Chemiefirmen weisen diesen Vorwurf empört zurück. Agent Orange sei “für nichts anderes als zur Entlaubung von Vegetation” eingesetzt worden, sagt Scot Wheeler von Dow Chemical in Midland, USA.

Fest steht, dass der Einsatz von Agent Orange in Vietnam ein Massensterben ausgelöst hat, das bis heute andauert und die Dimensionen eines Völkermordes hat.

Im ersten Stock des Tu-Du-Krankenhauses in Saigon gibt es einen großen, weiß gekachelten Raum. Drei Wände sind vom Boden bis zur Decke mit Regalen voll gestellt. 41 Gläser verschiedener Größe stehen darauf. Sie sind mit Formalin gefüllt. Darin schwimmen Embryos und tot geborene Babys, die besonders grotesk von dem Gift verformt worden sind. Auch sie sind Opfer von Agent Orange. Ihre Eltern waren im Krieg besprüht worden oder lebten später auf besprühtem Land. Eines der konservierten Babies hat einen Kopf, aber zwei Gesichter. Das Etikett auf dem Glas hält fest, dass Frau Nguyen Thi Ba am 18.8.1982 dieses Kind zur Welt gebracht hat. Einem konservierten Embryo fehlt der Unterleib. Das Etikett auf dem Glas hält fest, dass Frau Le Thi Bie Van am 22.10.1986 diesen halben Menschen zur Welt gebracht hat. In anderen Gläsern sind siamesische Zwillinge, Drillinge oder gar Vierlinge aufbewahrt, die an jeweils verschiedenen Körperteilen zusammengewachsen sind. Einige Embryos wiegen ihre eigenen Gedärme im Arm. Manche haben zu große, manche viel zu kleine, spitz zulaufende Köpfe. Einem Kind wächst der Unterleib eines zweiten aus dem Brustkorb.

Irgendwann Ende der 80er Jahre bricht die Chronologie der Sammlung ab. Möglicherweise waren die Regale voll. Geburten, bei denen die Mütter einen Schock fürs Leben erhalten, gibt es weiterhin. “Wir untersuchen jeden Tag 60 bis 70 behinderte Kinder”, sagt Tat Thi Chung im “Friedensdorf”, einer dem Krankenhaus angeschlossenen Pflegestation für Agent-Orange-Opfer im Kindesalter. Nur wenige von ihnen können im Friedensdorf operiert und gepflegt werden. Die meisten Agent-Orange-Opfer der zweiten Generation leiden daheim, ohne jegliche professionelle Pflege. Überall sind es die Mütter, die den größten Teil dieser Last zu tragen haben. Etwa die 38-jährige Ho Thi Huong im Ort Dong Ha in der Provinz Quang Tri. Zärtlich wiegt sie ihren Sohn Do Duc Duyen im Arm. Er ist mit zwei Gehirnen zur Welt gekommen. Die Ärzte haben ihm kürzlich eine Geschwulst weggeschnitten, die wie ein zweiter Kopf aussah. Das zweite Hirn haben sie vorsichtig in seinen Hinterkopf geschoben. Der Junge hat keine Augen. Er ist sieben Jahre alt. Er wird von einem epileptischen Anfall geschüttelt und stöhnt vor Schmerz. Huong streichelt ihn zärtlich. “Wenn er mich hört, beruhigt er sich wieder”, sagt sie lächelnd. Sie wirkt glücklich. Die Liebe ihrer Mütter ist für viele der jungen Opfer die einzige Medizin.

Hoffen für den Enkelsohn

Die Eltern klagen selten, selbst wenn sie mehrere behinderte Kinder haben und völlig verarmt sind. Man muss sie drängen, bis sie von ihren Sorgen reden. Etwa Dan in Tan Hoa. “Es ist anstrengend, vier behinderte Kinder gleichzeitig zu versorgen”, sagt sie schließlich. “Ich muss siefüttern und anziehen und auf sie aufpassen. Nur selten kann ich meinem Mann auf dem Feld helfen.” Ein paar Süßkartoffeln, Reis, etwas Gemüse, mehr kann sie ihren Kindern nicht zu essen geben. Tram, ihr Ehemann, muss Brennholz sammeln und verkaufen, damit die Familie nicht hungert. Er hat von der Gerichtsklage der vietnamesischen Opfer gegen die amerikanischenHersteller von Agent Orange gehört. Auch er würde gerne klagen, sollte er eines Tages die Chance bekommen. “Selbst eine kleine Entschädigung würde uns helfen”, sagt er.

Es ist mehr als ungewiss, ob es dazu jemals kommen wird. Die Mühlen der Justiz im fernen New York mahlen langsam. In der Zwischenzeit erkrankt in Vietnam bereits die dritte Generation. Giap Van Dong, von Beruf Besenbinder, sitzt zwischen den Hühnern auf dem Boden seiner Hütte in der Kommune Viet Lap, Provinz Bac Giang. Er ist erst 54 Jahre alt. Sein weißer Kinnbart aber läßt ihn älter erscheinen. Dong ist ein Veteran der nordvietnamesischen Armee. Er ist im Krieg direkt mit Agent Orange besprüht worden. Seit zwei Jahren leidet er an Lungenkrebs. Dong hat vier Söhne. Alle vier sind körperbehindert, zwei allerdings nur leicht. Siehaben leicht verformte Beine und verknöcherte Geschwüre an anderen Teilen ihres Körpers.

Einer der leicht behinderten Söhne Dongs hat geheiratet. “Als mein Enkelsohn geboren wurde, hofften wir, dass er nicht unter den Folgen von Agent Orange leidet”, sagt Dong. “Doch als der Kleine zwei Jahre alt war, sahen wir die Geschwüre. Da wussten wir Bescheid.” Dong zieht seinem inzwischen vierjährigen Enkel das Hemd über den Kopf. Das Kind hat ähnliche Auswüchse am Körper wie sein Vater und sein Großvater. Sein linker Schulterknochen wölbt sich spitz unter der gespannten Haut. Sein linkes Handgelenk ist deformiert.

Wenn Doktor Nhan operiert

“Oft ist dritte Generation der Opfer schwerer betroffen als die zweite”, sagt Mac Thi Hoa vom Vietnamesischen Roten Kreuz in Hanoi. “Manche Kinder der Veteranen haben nur leichte Behinderungen, wie zum Beispiel vier statt fünf Zehen an den Füßen. Dann heiraten sie, und ihre Kinder kommen ohne Beine auf die Welt.” Sie zeigt ein Foto des siebenjährigen Nam. Auf Beinstümpfen sitzend lacht er fröhlich in die Kamera. Mit Hilfe des Roten Kreuzes hat er gerade das erste Jahr der Grundschule absolviert. Er ist einer von ganz wenigen Opfern der dritten Generation, die Hilfe bekommen. Die vietnamesische Regierung unterstützt momentan nur Opfer der ersten und zweiten Generation mit bescheidenen Summen. “Die kranken Enkelkinder bekommen vom Staat derzeit nichts”, sagt Hoa. Es ist, als ob alle insgeheim hofften, dieses Problem werde irgendwann von alleine verschwinden.

Auf seinen Forschungsreisen durch Zentralvietnam hat Dr. Nguyen Viet Nhan aus Hue Tausende Opfer gesehen. Die Erfahrung hat ihn verändert. “Ich habe meine Studien an den Nagel gehängt”, sagt Nhan. Er mochte nicht einfach weiterforschen, während Kinder mit akuten Herzfehlern, Gehirnschäden, mit Wasser im Kopf, fehlenden Gliedmaßen oder anderen Gebrechen ohne medizinische Hilfe leben müssen. Jetzt sammelt er Spenden im Ausland und versucht, möglichst viele Kinder zu operieren. “Forschung ist wichtig, aber es ist noch wichtiger zu helfen, bevor es zu spät ist”, sagt Dr. Nhan.

Mit freundlicher Genehmigung der Süddeutsche Zeitung und der DIZ München GmbH