Süddeutsche Zeitung vom 24.11.2004

Vietnam und die Nachwirkungen des Pflanzengifts Agent Orange (I): Warum die Opfer erstmals gegen US-Chemiekonzerne klagen

Der Krieg, der nicht zu Ende geht

Das Leiden des Nguyen Van Quy - dreißig Jahre nach dem Abzug der Amerikaner wird das ungeheure Ausmaß der Entlaubungsaktionen deutlich

Von Henrik Bork


Haiphong - Die Klageschrift ist 69 Seiten lang. Sie liegt im Bezirksgericht New York, östlicher Bezirk. Aktenzeichen MDL381-04CV0400. Nicht alle, aber einige der Angeklagten sind berühmt. Man hat diese Namen schon einmal gehört: Monsanto, Dow Chemical oder Uniroyal, um einige Beispiele zu nennen. Insgesamt werden 34 Chemiefirmen beschuldigt, die eines gemeinsam haben. Alle haben während des Vietnamkriegs mit dem Entlaubungsmittel Agent Orange Geld verdient. “Agent Orange Produkthaftungsklage” steht auf dem Dokument.

Die Kläger sind nicht berühmt: Nguyen Van Quy zum Beispiel, in der Klageschrift an dritter Stelle genannt. Oder Nguyen Quang Trung und Nguyen Thi Thuy Nga, seine Kinder. Insgesamt sind 27 Kläger namentlich genannt. 26 sind Opfer von Agent Orange. Der 27. Kläger ist ihr Opferverband.

Zwei Stunden dauert die Fahrt von der vietnamesischen Hauptstadt Hanoi in die Hafenstadt Haiphong. Hunderte junger Vietnamesen knattern dort auf Motorrollern über eine sonnendurchflutete Allee namens Catcut. Hausnummer 38 ist ein Laden, zur Straße hin offen. “Räucherstäbchen, Einzel- und Großhandel, Qualität garantiert” steht auf einem Schild über dem Eingang.

Der Kläger Nguyen Van Quy, 49 Jahre alt, sitzt in der schattigen Kühle des Ladens auf einer Holzbank. Sein Sohn Trung, 16 Jahre alt, sitzt neben ihm in einem Rollstuhl. Seine Tochter Nga, 15 Jahre alt, steht daneben. Quy ist ein stiller, schmächtiger Mann. Er leidet an Magen- und Leberkrebs.

Acker des Todes

Die Ärzte im “Krankenhaus 108” wollen operieren. Quy will das nicht. Er wisse nicht, wie lange er noch lebe, sagt er. Sein Sohn Trung ist geistig und körperlich behindert. Die Haut seiner Schienbeine ist verhornt, weil er nur auf allen Vieren herumkriechen kann. Die Tochter Nga ist geistig behindert. Sie knirscht aufgeregt mit den Zähnen. Später beruhigt sie sich und berührt die Besucher neugierig am Arm. “Ich glaube, dass Agent Orange meine Kinder und mich krank gemacht hat”, sagt Quy.

Quy ist ein Veteran des Vietnamkriegs.

Sommer 1972, Kontum, Zentrales Hochland von Vietnam. Besonders heftig waren die Kämpfe hier und besonders blutig. Quy war Fernmeldesoldat in der nordvietnamesischen Armee. Die B-52-Bomber der Amerikaner pflügten jeweils eine box, ein auf der Karte abgezirkeltes Stück Vietnam, zu einem Acker des Todes um. “Zweimal war ich nach einem Bombenangriff lebendig begraben”, sagt Quy.

In der Nähe von Kontum schlängelte sich der Ho-Chi-Minh-Pfad von Nord nach Süd. Er war die wichtigste Lebensader für die Freiheitskämpfer, die “Vietcong”, und die regulären Truppen des kommunistischen Nordvietnam. Aus ihren Verstecken im Wald überfielen sie amerikanische Patrouillen und südvietnamesische Artilleriestellungen. Dann verbargen sie sich schnell wieder im Dickicht der grün überwucherten Berghänge und des Dschungels an der Grenze zu Laos und Kambodscha.

Auf seinen Fußmärschen kam Quy durch Waldstücke, die gespenstisch aussahen. “Viele Bäume waren tot”, sagt er. Ganze Berghänge und die Ufer entlang des Poko-Flusses sahen aus wie Mondlandschaften. Verdorrte Baumstämme streckten ihre kahlen Äste in den Himmel. Quy hörte, dass die Amerikaner und ihre Verbündeten “Gift spritzen”. Er hatte keine Zeit, darüber nachzudenken.

Die Amerikaner führten Krieg gegen die Natur. Wenn sich der Feind im Dschungel versteckt, so ihre Logik, dann muss eben der Dschungel weg.

Geheime Aktion

30. November 1961, Oval Office, Washington. Präsident John F. Kennedy genehmigte ein geheimes Kriegsprogramm namens “Operation Ranch Hand”. Ziel war die Entlaubung des vietnamesischen Dschungels. Von Flugzeugen aus sollten Unkrautvertilgungsmittel versprüht werden. Auch die Reisfelder “feindlicher” Dörfer, die den Vietcong ernährten, sollten vernichtet werden. So geheim war die Aktion, dass Kennedy zunächst jede einzelne Mission persönlich abzeichnete.

Dow, Monsanto und die anderen Chemiefirmen erhielten Millionenaufträge. Und sie lieferten. 208 Liter passten in jedes der Fässer, die zu Hunderttausenden nach Vietnam verschifft wurden. Der Inhalt sollte geheim bleiben. Die Genfer Kriegsrechtskonvention verbietet chemische Kriegsführung. Nur ein 20 Zentimeter breites, farbiges Band kennzeichnete daher die Fässer. Es waren verschiedene Pflanzengifte, und die Soldaten tauften sie nach ihren Farben auf den Fässern: Agent Pink, Agent White, Agent Blue, Agent Purple, Agent Blue, Agent Green und Agent Orange. Harmlos klingt das: der “orangefarbene Wirkstoff”.

Die Transportflugzeuge vom Typ C-123 flogen in Dreierformation. An ihren Tragflächen waren Düsen angebracht. Giap Van Dong, ein Kamerad Quys, kämpfte im Sommer 1970 auch in der Nähe von Kontum. Zuerst hörte er das Brummen der Motoren. Dann gellten Schreie durch den Wald. “Die Flugzeuge kommen. Gift!”, schrien die Soldaten.

Dong tat, was ihm seine Vorgesetzten für diesen Fall eingebläut hatten. Er nahm sein Halstuch in die linke Hand, öffnete mit der rechten seine Hose und urinierte auf das Tuch. Dann presste er sich das Tuch vor den Mund und warf sich auf den Boden. “Wer nicht schnell genug pinkeln konnte, befeuchtete sein Halstuch mit Wasser. Aber Urin war der beste Schutz. Dann mussten wir stundenlang still liegen”, sagt Dong. “Ich sah eine weiße Wolke. Ich roch etwas Merkwürdiges, das mich zum Husten brachte. Das Atmen fiel mir schwer. Meine Augen brannten.”

Quy, Dong und die anderen Soldaten wussten nicht, wie gefährlich Agent Orange für ihre Gesundheit war. Sie tranken das Regenwasser aus den Bombenkratern in den Mondlandschaften. Wenn es regnete, stieg ein penetranter Gestank aus dem Boden. Auch die Bäche und Flüsse stanken. Mit dem bräunlichen Wasser füllten die Soldaten ihre Trinkflaschen. Sie aßen Ron, ein farnähnliches Gewächs. Sie kochten die Stiele der Khoai-Mon-Pflanze und aßen sie mit ihrer Reissuppe.

Agent Orange enthält eine bestimmte Sorte Dioxin. Und zwar die giftigste Art Dioxin, die es gibt. Sie heißt 2,3,7,8-Tetrachlordibenzo-p-dioxin (TCDD). Es ist eine der tödlichsten Substanzen, die der Mensch je geschaffen hat. Sie ist auch als “Seveso-Gift” bekannt. Schon winzige Mengen, mikroskopische Mengen, machen krank. 80 Gramm Dioxin, so ein makabres Rechenbeispiel, in das Leitungswasser einer Stadt von der Größe New Yorks geschüttet, würden die gesamte Bevölkerung töten. 80 Gramm.

Mindestens 366 Kilogramm Dioxin der Sorte TCDD haben die US-Streitkräfte über Vietnam verteilt, schätzt die Expertin Jeanne Mager Stellman von der Columbia-Universität in New York. Das Nationale Krebsinstitut der USA in Bethesda bei Washington untersuchte bereits im Jahr 1965 die beiden chemischen Bestandteile von Agent Orange namens 2,4,5-T und 2,4-D. Mäuse brachten in Labortests tote oder deformierte Föten zur Welt. Die Ergebnisse der Studie wurden zunächst nicht veröffentlicht. Erst Jahre später wurden sie durch ein Versehen bekannt.

Nguyen Van Quy war glücklich, den Krieg überlebt zu haben. 1975 kam er heim. Er war häufig müde und litt unter Migräne. Trotzdem fand er Arbeit als Schweißer. 1984 heiratete er. Seine Frau wurde schwanger. Sie verlor das Kind. Der tot geborene Fötus war grotesk verformt. Quys Frau sah den Fötus und war entsetzt. Sie vermutete, dass mit ihrem Mann etwas nicht stimme. Sie ließ sich von ihm scheiden.

Das in Vietnam versprühte Dioxin ist nicht bloß kanzerogen, also krebserregend. Es ist auch teratogen. Das ist die Eigenschaft eines Stoffes, während einer Schwangerschaft Anomalien hervorzurufen. Schon während des Vietnamkriegs erschienen erste Presseberichte, die von Tot- und Missgeburten südvietnamesischer Bäuerinnen berichteten, deren Felder mit Agent Orange besprüht worden waren.

Die Hersteller wussten von Anfang an, dass ihr Produkt gefährlich war. Spätestens 1964 erfuhr die Firma Dow einem Untersuchungsbericht des ehemaligen US-Admirals Elmo R. Zumwalt jr. zufolge, dass Agent Orange das Beiprodukt TCDD enthielt. In Fabriken von Dow und Monsanto war es schon Jahre zuvor zu schweren Arbeitsunfällen mit Dioxinen gekommen. Die Firmen warnten sich gegenseitig, dass schon geringste Mengen davon krank machen.

Die US Airforce versprühte von 1965 an, als der Krieg eskalierte, vor allem Agent Orange. Ihre Militärwissenschaftler wussten, wie gefährlich der Wirkstoff war. Dr. James Clary entwickelte die Agent-Orange-Sprühtanks für die C-123 Flugzeuge. Nach dem Krieg, am 9. September 1988, schrieb er in einem Brief an den US-Senator Tom Daschle: “Als wir das Herbizidprogramm in den Sechzigerjahren initiierten, war uns das Schadenspotenzial aufgrund der Kontaminierung des Unkrautvertilgungsmittels mit Dioxin bewusst. Wir wussten sogar, dass die militärische Formel eine höhere Dioxin-Konzentration hatte als die zivile Version, wegen der geringeren Kosten und der Schnelligkeit der Herstellung. Weil das Material aber für den Feind gedacht war, war keiner von uns übermäßig besorgt.”

Schwere Geburtsfehler

Agent Orange vergiftete nicht nur “den Feind”. Im Oktober 1968 kommandierte Vize-Admiral Elmo Zumwalt Jr. die amerikanischen Patrouillenboote im Mekongdelta. Der Vietcong erschoss vom Ufer aus viele seiner Matrosen. Zumwalt ordnete an, die Ufer mit Agent Orange zu besprühen. Sein Sohn, Leutnant Elmo Zumwalt 3rd., kommandierte eines der Flussboote. Täglich trank er das Wasser aus den braunen Flüssen und schwamm darin. Nach dem Krieg erkrankte er an Krebs. Er starb im Alter von 42 Jahren. Sein Vater glaubte, dass Agent Orange für dessen Tod verantwortlich war. Es sei “eine Ironie des Schicksals”, sagte der zum Admiral beförderte Zumwalt später, dass er selbst “ein Instrument in der Tragödie” seines Sohnes war.

Zehntausende von US-Veteranen erkrankten, weil sie mit Agent Orange in Kontakt gekommen waren. Sie litten erstaunlich häufig an sonst seltenen Arten von Krebs, etwa an Lymphdrüsenkrebs. Sie erkrankten an Lippen-, Knochen-, Lungen-, Leber- und Prostatakrebs, kurz gesagt an fast jeder Art von Krebs, die es gibt. Ihre Kinder wurden mit verkrüppelten Armen und Beinen oder anderen schweren Geburtsfehlern geboren.

1978 klagten 15 000 namentlich genannte Veteranen gegen Dow, Monsanto und mehrere andere Chemiefirmen. Es war die größte Sammelklage in der Geschichte der USA. Der Prozess endete 1984 mit einem außergerichtlichen Vergleich. Die Chemiefirmen sollten 180 Millionen Dollar zahlen. Als der Justizweg Jahre später endlich ausgeschöpft war, erhielten die vielen Kläger nur geringe Summen. Die Chemiefirmen und die US-Regierung bestritten weiterhin ihre Verantwortung für die Folgen von Agent Orange.

Quy wusste von alldem nichts, als er 1987 zum zweiten Mal heiratete. Er zog in die Hafenstadt Haiphong. 1988 wurde sein Sohn Trung geboren. Der wog, als er auf die Welt kam, bloß 1,9 Kilo. “Sein Kopf war sehr weich”, sagt Quy. Gehirn, Rückgrat und Extremitäten des Kindes waren nicht normal entwickelt. Ein Jahr später wurde Quys Tochter Nga geboren. Ihre Mutter, Vu Kim Loan, erschrak, als sie ihr Kind zum ersten Mal sah. “Meine Frau konnte nicht glauben, dass das ihre Tochter sein sollte”, sagt Quy. Der Arzt auf der Geburtsstation fragte, ob ihr Mann im Krieg war und Kontakt mit Agent Orange hatte.

Millionen von Vietnamesen, Soldaten wie Zivilisten, waren dem Dioxin viel länger ausgesetzt als die US-Soldaten. Dioxin lagert sich im Boden ab, wandert in die Nahrungskette und reichert sich im Fettgewebe des Menschen an. Daher ist die Zahl der Opfer in Vietnam sehr groß. Die Menschen leiden an Krebs, an Haut- und Nervenkrankheiten. Ihre Kinder wurden tot geboren. Oder sie kamen mit zwei Gehirnen zur Welt, als siamesische Zwillinge, mit verkrümmten Gliedmaßen oder ohne Arme und Beine. Sie wurden mit schweren Hirnschäden geboren, mit spina bifida, also offenem Rückgrat, mit entstellten Genitalien oder Hydrozephalus, mit Wasser im Kopf.

Die genaue Zahl der Opfer kennt niemand. Vietnam, bis heute ein bitterarmes Land, hatte unmittelbar nach dem Krieg andere Sorgen, als die Opfer des Pflanzengiftes zu identifizieren oder zu zählen. Die Schätzungen reichen von 650 000 bis zu vier Millionen vietnamesischer Opfer von Agent Orange. Lange hat die kommunistische Regierung Vietnams mitgeholfen, das Ausmaß dieser Katastrophe zu verbergen. Sie sorgte sich um ihre Beziehungen zum ehemaligen Kriegsgegner, den sie zwar geschlagen hatte, der aber seitdem zur einzigen Supermacht geworden war. “Wir mussten das amerikanische Handelsembargo überwinden, um wirtschaftlich wieder auf die Beine zu kommen”, sagt Mac Thi Hoa, Vizedirektorin des Fonds für die Opfer von Agent Orange des Vietnamesischen Roten Kreuzes.

Erst jetzt, nach der Normalisierung der Beziehungen zwischen Vietnam und den USA, im Zuge der schrittweisen Öffnung des Landes, kommt allmählich die wahre Größenordnung ans Licht. “Wir schätzen, dass zwei Millionen Menschen in unserem Land unter den Folgen von Agent Orange leiden”, sagt Mac Thi Hoa vom Opferfonds. “Drei bis vier Millionen Opfer, darunter mehr als 400 000 Kinder”, vermutet gar Professor Nguyen Trong Nhan, ein ehemaliger Gesundheitsminister und Vizepräsident des Vietnamesischen Verbands für die Opfer von Agent Orange/Dioxin. Der Verband tritt in New York gemeinsam mit den Opfern als Kläger auf. Erst jetzt, fast drei Jahrzehnte nach den US-Veteranen, dürfen die vietnamesischen Opfer ihren eigenen Kampf für Entschädigung und Gerechtigkeit beginnen.

Bisher ist über die von Agent Orange verursachten Leiden in der Kategorie “bedauerliche Spätfolgen eines Krieges” berichtet worden. Das ist angesichts der jetzt bekannten Zahlen nicht mehr möglich. Die chemische Kriegführung mit Agent Orange muss von der Dimension und Langfristigkeit ihrer Folgen her mit den Atombombenabwürfen in Hiroshima und Nagasaki verglichen werden. Sie ist eines der größten Kriegsverbrechen, das die USA je begangen haben. Im April vergangenen Jahres kam eine Konferenz an der amerikanischen Yale-Universität zu dem Schluss, dass Amerika in Vietnam “die größte Kampagne chemischer Kriegsführung in der Geschichte” geführt hat.

Quy steht jeden Morgen um sechs Uhr auf. Zur Arbeit geht er nicht mehr. Der Krebs hat ihn geschwächt. Seine Frau Loan muss die Familie ernähren. Sie verkauft Gemüse auf dem Markt. Quy wäscht als erstes die Kinder. Trung, der Sohn, wiegt jetzt 30 Kilogramm. Quy schleift ihn ins Badezimmer im ersten Stock. Dort setzt er ihn auf einen blauen Plastikschemel, seift ihn ein und spült ihn zärtlich ab. Nach dem Frühstück, wenn er die Kinder gefüttert hat, muss er sich wieder hinlegen. “Ich bin völlig erschöpft”, sagt er.

Opfergaben aus Papier

Im Januar dieses Jahres beschloss der vietnamesische Opferverband, die Chemiefirmen in den USA zu verklagen. Quy meldete sich als einer der ersten Kläger. Ein Grund ist die Hoffnung auf Geld. Quy schuldet Verwandten und Freunden 300 Millionen Dong (rund 150 000 Euro) für seine Arztrechnungen.

Dean Kokkoris, Anwalt der Kläger in New York, ist optimistisch. “Die Chemiefirmen wussten um die Gefahren von Agent Orange. Sie hätten sich gegen die Lieferungen an die US-Regierung wehren können. Sie waren Komplizen in diesem Verbrechen”, sagt Kokkoris am Telefon. Die Chemiefirmen selbst weisen dies zurück. “Die hetzerischen Behauptungen über Kriegsverbrechen der Kläger sind grundlos”, sagt Scot Wheeler, Pressesprecher von Dow Chemical in Midland, USA. Es gebe “einen Mangel an Beweisen”, dass Agent Orange die Verletzungen der Kläger verursacht habe. Wenn es Schuld gibt, dann nicht bei den Chemiefirmen, glaubt Dow Chemical. “Die US-Regierung und die vietnamesische Regierung sind für militärische Aktionen in Vietnam und den Gebrauch von Agent Orange verantwortlich”, sagt der Firmensprecher. Monsanto argumentiert ähnlich. “Die vietnamesische Regierung hat ihre Ansprüche als Teil der Abkommen aufgegeben, die den Krieg beendeten und die Beziehungen mit den USA normalisierten”, sagt Glynn Young, ein Sprecher von Monsanto.

In Haiphong hilft der Kläger Nguyen Van Quy seiner Schwiegermutter tagsüber beim Verkauf der Räucherstäbchen. An der Decke des Ladens hängen Opfergaben aus Papier, die bei Beerdigungen verbrannt werden: grüne Papierpferde, rote Papierfahrräder, blaue Papierautos. “Ich denke oft an den Tod”, sagt Quy. “Und dann denke ich immer an meine Kinder. Ich habe vor allem deshalb geklagt, um ihre Zukunft sichern zu können.” Ob die Klage mit dem Aktenzeichen MDL381-04CV0400 überhaupt vom östlichen Bezirksgericht in New York angenommen wird, wird erst Anfang nächsten Jahres entschieden. Es ist alles andere als sicher.

Mit freundlicher Genehmigung der Süddeutsche Zeitung und der DIZ München GmbH